Abenteuer Samburu

 

Sonntag, 2.8.2009 - Auf dem Weg in das Samburu National Reserve

Heute wollen wir nun endlich in das vielgerühmte und uns noch gänzlich unbekannte Samburu NationalReserve fahren. Für die etwa 260 km planen wir 4– max. 5 Stunden ein, was bedeutet, dass wir zwar nicht trödeln,  aber durchaus damit  rechnen können, unser Zelt mal gemütlich vor der hereinbrechenden Dunkelheit aufbauen zu dürfen. Zum ersten Mal setzen wir unseren Navi ein – einen Garmin nüvi 550  bestückt mit den  Karten Kenia -Tansania – Uganda, die man sich für einen geringen Preis bei tracks4africa herunterladen kann. Der Navi zeigt eine deutlich frühere Ankunftszeit, als wir vermuten. Scheinbar rechnet er auch hier mit europäischen Straßenverhältnissen.  Auf jeden Fall fühlen wir uns mit einer angezeigten Ankunftszeit von 15.00 Uhr und unserer vermuteten zwischen 16.00 und 17.00 Uhr auf der sicheren Seite!

In Nakuru fahren wir die B5- eine wirklich gut ausgebaute Straße -  bis Nyahururu. Der ab Nyahururu  weitaus längere Abschnitt der B5 bis Nyeri hat die Bezeichnung Straße nicht verdient. Hier reihen sich die Schlaglöcher aneinander und überraschen gelegentlich mit Lichtblicken von Asphaltinseln. Im Schneckentempo passieren wir jedes Schlagloch. Es bietet sich kaum eine Chance ihnen auszuweichen. Der Navi reagiert auch irgendwann und korrigiert seine angezeigte Ankunft ein wenig nach hinten.

Kein Grund sich Sorgen zu machen. In Nyeri zweigen wir auf die C70 ab, aber dieses kurze Stückchen C-Straße von max. 6 km werden wir schon bewältigen. Umso überraschter sind wir, als sich diese C70 als durchaus annehmbares, wenn auch nicht asphaltiertes Teilstück herausstellt und wir nun viel schneller vorwärts kommen, als gedacht. Von Kiganjo bis Isiolo führt ja dann durchgehend die A2, was uns hoffen lässt, die verlorene Zeit locker wieder herauszufahren.

Nun bis Nanyuki werden unsere Hoffnungen durch eine sehr gute, ja für kenyanische Verhältnisse gar ungewöhnliche Straße, auch weiter geschürt. Doch dann geht’s los: Die A2 verwandelt sich in eine einzige Baustelle. „ROAD  UNDER  CONSTRUCTION“ warnen immer wieder handgemalte Schilder am Rande der Straße. Es ist eine einzige Höllenfahrt auf dieser staubigen Piste. Gibt es ein Tier, das sich langsamer bewegt als eine Schnecke? Wenn ja, passen wir unsere Geschwindigkeit  diesem gerade an. Es ist unglaublich heiß und staubig. Meter um Meter fressen wir uns an Isiolo heran. Langsam aber sicher sinkt unsere Zuversicht, den Campingplatz im Samburu NP noch im Tageslicht zu erreichen, zumal uns der Navi eine immer spätere Ankunftszeit signalisiert. Wie gut, dass heute Sonntag ist, so werden wir wenigstens nicht noch zusätzlich durch Bauarbeiten an der Straße, Maschinen und Loris behindert. DAS  ist der Strohhalm, der kleine Funke Hoffnung, der uns aufrecht hält!

Es ist fast dunkel, als wir endlich Isiolo passieren. Immerhin sind wir noch auf dem richtigen Weg – selbst daran haben wir ja zwischenzeitlich gezweifelt. Nun sollten es nur noch 20- 25 km bis zum Gate sein. Hoffentlich ist es besetzt, hoffentlich lassen die Ranger uns noch rein und auch bis zur Campingsite fahren. Sie soll ja  in unmittelbarer Nähe des Rangerpostens sein. Der Navi zeigt uns einen Abzweig links an. Bislang konnten wir uns ja – mit Ausnahme der Zeitangaben - auf seine  Führung verlassen. Den Abzweig  nehmen wir, auch wenn uns diese Schotterpiste nicht so vertrauenswürdig erscheint. Aber im Dunkeln ist Afrika nun mal mangels Straßenbeleuchtung besonders dunkel. Ganz wohl fühlen wir uns daher nicht in unserer Haut. Rechts und links liegen immer wieder vertrocknete Felder, wir kommen durch ein Dorf – eine armselige Ansammlung von Hütten. Abgemagerte Ziegen und struppige Hunde tauchen immer wieder plötzlich vor unserem Auto auf. So ein Mist!!! Bloss nicht anhalten in dieser armseligen Gegend. Ich wehre mich krampfhaft gegen die aufziehenden Bilder in meinem Kopf von Überfällen der schwarzen Bevölkerung auf die reichen, weißen Touristen. Joachim schweigt. Konzentriert lenkt er den Wagen durch das Dunkel. Wie lange fahren wir jetzt eigentlich schon auf diesem Weg? 1 Stunde? Ein Blick auf die Uhr zeigt, dass wir erst 20 Minuten hier unterwegs sind. Obwohl unser Navi meint, dass wir richtig sind, kehren wir um. Weit und breit ist kein Gate zusehen. Wir sind überzeugt, den falschen Abzweig genommen zu haben.

Langsam schleichen wir zurück. Jetzt eines der wertvollen Tiere oder gar einen Menschen wegen der schlechten Sicht anzufahren, wäre schlichtweg ein Albtraum. Die neugierigen Blicke der Menschen verfolgen uns. Als wir endlich wieder an der A2 sind, atmen wir auf. Das Navi will uns unbedingt auf die Schotterpiste zurückschicken. Doch wir wollen nun nur rechts oder links. Wir entscheiden uns rechts auf die A2 Richtung Isiolo zurückzufahren. Irgendwo habe ich an einem Abzweig Hinweisschilder zu verschiedenen Lodges, u.a. der Samburu Serena Lodge  wahrgenommen. Am besten, wir versuchen diese zu erreichen und dort zu übernachten. Das wird unsere Reisekasse sicher empfindlich schmälern, rettet aber hoffentlich unsere Haut, die uns wesentlich mehr wert ist.

Und trotzdem denke ich immer wieder „Mein Gott, sind wir blöd!“ Wir machen etwas, wovor in Kenya immer wieder ausdrücklich gewarnt wird: Wir fahren in der Dunkelheit durch eine ausgesprochen arme und  gottverlassene Gegend. Auf der im Bau befindlichen Straße muss Joachim höllisch aufpassen, denn er sieht fast nichts. Und so passiert es zwangsläufig, und recht schnell, dass Joachim ein Schild übersieht, das uns links auf einen befahrbaren Straßenabschnitt führt. Er fährt geradeaus und schon stehen wir unterhalb der Straße, auf einem Bauabschnitt, der erst noch aufgebaut werden muss. Schnell ist uns klar, dass wir , wenn wir einfach geradeaus weiterfahren – irgendwann nicht mehr vorwärts kommen. Egal! Wir haben ja einen 4x4 Antrieb und für den Landi sollte es kein Problem sein, die Abböschung hochzukommen. Auf diesem schmalen Weg, auf dem wir in der Dunkelheit nicht sehen können, wo er seitlich endet,  den Landrover zu wenden, erscheint uns zu gefährlich. Also quält Joachim das Auto die Böschung hoch. Doch zu allem Unglück kommt nun auch  noch Pech dazu! Der Motor stottert, krampft und … steht still. Dauerhaft still, versteht sich, er springt nämlich nicht mehr an. UNSER LANDI LÄSST SICH NICHT QUÄLEN! Welche Erfahrung und warum wir hier mitten in dieser stockdunklen, einsamen Wildnis auch immer machen sollen… es ist ein ausgesprochenes Sch…. Gefühll!

Wir können es kaum glauben und uns noch weniger erklären: Die neue Batterie streikt. Wir schließen die Fenster, verriegeln die Türen und hegen die schwache Hoffnung, dass hier irgendwann vor morgen früh noch mal ein Auto vorbeikommt, das uns Starthilfe geben kann. Um nicht darüber zu sinnieren, dass uns auf dem Hinweg im Hellen kaum Fahrzeuge begegnet sind und jetzt in der Dunkelheit sicher erst recht niemand mehr unterwegs ist, denken wir darüber nach, wie wir uns für die Nacht im Auto einrichten können, ob wir abwechselnd wach bleiben und Wache schieben und vor allem – zu diesem Zeitpunkt unüberhörbar und ganz wichtig – was wir uns zu Essen machen.

Doch wie immer im Leben wendet sich das Blatt auch irgendwann mal wieder zum Guten. In der Ferne tauchen Scheinwerferlichter auf, die langsam näherkommen. Ein Lorry knattert heran. Joachim schaltet die Warnblinkanlage ein, steigt ausgerüstet mit einer großen Taschenlampe aus dem Auto, krabbelt die Böschung hoch und stellt sich mit der Lampe winkend auf die Straße. Ich drücke mir fast die Daumen platt. Hoffentlich hält der LKW und hoffentlich sind uns dessen Insassen freundlich gesonnen. Zu viele Horrorgeschichten knebeln meine Gedanken.

Der Lorry hält. 5 Männer steigen aus und fragen „What’s your problem?“ Wir schildern unser Problem und natürlich versuchen die 5 Einheimischen uns zu helfen. Sie kommen mit ihrer Ersatzbatterie aus dem Truck zu uns herunter. Welcher Eingebung auch immer folgend wir in Nairobi mitten im dicksten Berufsverkehr an einer roten Ampel wartend einen Jumper (Starthilfekabel) erstanden haben – hier können wir ihn dringend gebrauchen.

Doch leider ist nach einigen Startversuchen schon klar, dass die Batterie unserer Helfer zu schwach ist, um unseren Landrover zu starten. Das gibt’s doch nicht! Lorry vs. Landrover und wir gewinnen – wenn man das in dieser Situation überhaupt so bezeichnen kann?!?

Die 5 diskutieren auf Swahili – wir verstehen natürlich kein Wort. Einer wendet sich achselzuckend ab und steigt die Böschung weder hoch zu seinem LKW. Er steigt ein und rollt langsam zu uns herunter. Joachim klemmt den Jumper direkt an die Batterie des laufenden LKW’s an und nach 2 Versuchen gibt der Landi endlich klein bei. Unendlich erleichtert fragen wir die 5, was wir ihnen für die nächtliche Hilfe schuldig sind. „Give each 100!“, sagt der Fahrer und diese 500 Kshs (ca. 5.00 €) geben wir sehr gerne. Wir bedanken uns herzlich und bitten die Crew noch einen Moment zu warten, bis wir die Böschung hochgefahren sind. Dieses Mal geht alles gut und wir können heute doch noch weiter fahren. Bis zu dem Abzweig, der den Weg zu den Lodges weist, ist es nicht weit. Allerdings leuchten wir zur Sicherheit immer mal wieder die Straße mit unserer Taschenlampe ab und stoppen plötzlich abrupt, weil uns irgendetwas Riesiges  den Weg versperrt. Angestrengt versuchen wir in der Dunkelheit auszumachen, was das ist und erkennen schließlich eine Elefantenherde, die über die Straße marschiert. Wir warten einfach ab, bis sie im gegenüberliegenden Busch verschwunden ist und fahren weiter.

Nach weiteren 10 Minuten Fahrtzeit auf staubiger Piste stehen wir endlich kurz vor 21.00 Uhr an einem Gate. Es ist das Ngarama Gate des Buffalo Spring National Reserve. Unendlich erleichtert, aber dennoch sehr erstaunt verstehen wir die afrikanische Welt nicht mehr. Buffalo Springs? Da wollten wir doch gar nicht hin. Samburu war doch unser Ziel!

Das Gate ist natürlich geschlossen, aber während wir noch überlegen, was wir nun hier vor dem Gate anfangen sollen, rührt sich drinnen schon was Einige Ranger kommen aus ihren Unterkünften heran geschlendert. Einer stellt fest:  „You’re late.“ Ich muss grinsen. Wie recht er hat. Und wie erwartet erklärt er uns, dass wir nun nicht mehr bis zur Campingsite fahren können. Es sei verboten und das aus gutem Grund. Man wisse nie, welche Tiere sich jetzt an der Campingsite aufhalten. Mir müssten ja auch quer durch Buffalo Springs, um die Public Campsite im Samburu NR zu erreichen. Ein wenig verwirrt uns diese Aussage, aber wir haben zur Zeit andere Sorgen, die sich aber auflösen, als der Ranger uns anbietet, unser Zelt hier bei ihnen aufzubauen. Na, das ist doch mal ein Lichtblick.

Wir fahren auf den Platz vor den Unterkünften und als Joachim den mit groben Schottersteinen versehenen Untergrund inspiziert hat, beschließen wir, unser Zelt nicht aufzubauen, sondern im Auto zu schlafen.

Also beschließen wir nun erst mal unsere Kochutensilien auszupacken, denn der Hunger nagt ganz schlimm in uns. Schnell sind ein paar Kartoffeln gekocht und dazu gibt es den Rest Salat und ein paar Frikadellen von gestern.

Während des Essens hat Joachim die – wie ich zugeben muss -  glänzende Idee, das kleine blaue Plastik-Igluzelt aufzubauen und unsere dünnen Schlafmatten aus den Vorjahren auszurollen, so dass wir gegen 22.30 Uhr bei sternenklarem Himmel und fast Vollmond unsere müden Glieder doch noch halbwegs komfortabel ausstrecken können.

Ein ereignisreicher, abenteuerlicher und völlig unplanmäßiger Tag geht unter afrikanischem Himmel in die Nacht hinüber. Morgen beginnt ein neuer Tag und wir sind uns jetzt schon sicher, dass auch der nicht nach Plan verlaufen wird, denn wir müssen ergründen, warum die neue Batterie schon wieder leer war. Eine vage Idee haben wir ja schon und wenn sich diese bewahrheitet, finden wir das gar nicht lustig. Workshop-Safari hatten wir ja schon länger nicht mehr und ist daher morgen erst mal angesagt.

Montag, 3.8.2009 - Im Samburu National Reserve

Als ich von meiner Katzenwäsche im nicht sehr sauberen Sanitärbereich des Gates zurückkehre, berichtet Joachim mir von seiner ersten Wildbeobachtung des Tages: Eine Elefantenkuh hat ihr Junges gar nicht weit von uns im Busch gesäugt. Ich sehe die beiden leider nicht mehr und Joachim hat erst gar nicht daran gedacht, diese seltene Szene fotografisch festzuhalten. Zu sehr war er schon gedanklich damit beschäftigt, wie er unseren Landi in Gang bringen kann.

 

Am Ngare Mara Gate - Buffalo Springs National Reserve haben wir eine Nacht verbracht
Die trockene Landschaft geizt hier besonders mit der roten Erde nicht mit ihren Reizen
Hier stellt sich die Landschaft schon wesentlich weniger reizvoll dar - die Dürre breitet sich trostlos aus
Diese grünen Inseln in der trockenen Bräune lassen hoffen, dass sich die Vegetation nach dem nächsten Regen auch schnell wieder erholt
Die lang anhaltende Dürre nimmt den Tieren auch zunehmend die Nahrungsquellen

Nach einem ersten Heißgetränk an diesem noch frühen Morgen schleppen die Ranger eine Ersatzbatterie an und wollen uns helfen unser Auto zu starten. Doch mehrere Versuche misslingen leider. Also bleibt uns nichts anderes übrig, als auf ein Fahrzeug zu warten, welches das Gate passieren möchte.  Nach einer halben Stunde können wir einen Minibusfahrer bitten uns Starthilfe zu geben. Leider bleiben auch hier  mehrere Versuch erfolglos. Wir müssen auf ein größeres Auto warten, am besten auf einen Landrover oder Landcruiser.

Doch zunächst will ein Pickup das Buffalo Springs Reserve verlassen. Wir bitten auch dessen arabischen Fahrer um Hilfe, die er uns bereitwillig gibt. Nur unser Auto will einfach nicht mitspielen. Der Fahrer des Pickups kommt auf die Idee, unsere neue und scheinbar völlig leere Batterie gegen unsere zweite Batterie (leider auch fast leer, obwohl erst im letzten Jahr neu gekauft) auszutauschen und dann noch mal zu überbrücken. Gesagt – getan und nach zwei oder drei Startversuchen springt auch endlich der Landrover an. Erleichtert bedanken wir uns bei dem Araber. Er erwartet nicht mal ein Trinkgeld.

Am Gate zahle ich schnell unsere Campingübernachtung und den Parkeintritt und dann fahren wir mit Tom – einem der Ranger- nach Isiolo in eine Werkstatt. Das Problem ist den fundis dort schnell erläutert – unser Landrover-Englisch“ wird von Fahrt zu Fahrt besser.

Joachims Ahnung, dass unser Problem mit einem Defekt an der Lichtmaschine zusammenhängt, bewahrheitet sich. Allerdings ist nicht, wie befürchtet die Lichtmaschine komplett im Eimer, sondern lediglich die Kohlen müssen erneuert werden. By the way: eine Dichtung an der Turbopipe wird gleich mit erneuert und zwei Jungs schweißen uns noch eine Vorrichtung hinten an, so dass wir nun auch endlich die eigentlich vorgeschriebenen Reflektoren rechts und links am Wagenende anschrauben können. Für diesen ganzen Spaß haben wir 4,5 Stunden in sengender Hitze verbracht und summa sumarum 9000 Kshs bezahlt. Ich habe mir immerhin die Abwechslung eines Shoppings in Isiolo gegönnt und Salz, Seife (unsere hatten die Baboons aus Nakuru ja entwendet) sowie eine warme Jacke erstanden. Für alle die sich fragen, wofür ich die warme Jacke brauche: Meine Fleece-Jacke vom letzten Jahr ist mir abhanden gekommen und für unsere Zeit in der Massai Mara werde ich frühmorgens und abends ganz sicher etwas Warmes benötigen.

Um 14.30 Uhr können wir endlich die 23 km zurück nach Buffalo Springs antreten. Wir setzen Tom am Gate ab und fahren durch den Park  ins  Samburu National Reserve. Es sind noch mal etwa 19 km bis wir an der Public Campsite nahe der Samburu Serena Lodge unmittelbar hinter dem Warden’s Office ankommen. Der Platz liegt sehr reizvoll direkt am Ewaso Ngiro River. Der Fluss ist aber völlig ausgetrocknet. Nicht ein Tropfen Wasser ist im sandigen Flussbett zu sehen.

Wir beschließen hier unser Zelt aufzubauen. Gleich sind wir umlagert von Samburus, die uns ihre Dienste anbieten: Safaribegleitung, Feuerholz herbeischaffen, unser Lager bewachen und Paviane vertreiben. Auch wenn die armen Gestalten dringend ein paar Shillinge Einkommen nötig haben, lehnen wir dankend ab, denn wir wollen jetzt einfach nur unsere Ruhe haben und keine Konversation mehr betreiben müssen. Wir inspizieren die Duschen und Toiletten und kommen zu dem Ergebnis, dass sie absolut unbenutzbar sind So etwas Dreckiges und Verfallenes haben wir selbst in Kenya noch nicht gesehen und Wasser  gibt es natürlich auch nicht. Der Dreck und Staub vom gestrigen Tag klebt noch an unserem Körper und auch heute ist noch eine gute Schicht vermischt mit Schweiß dazu gekommen. Die Aussicht heute Abend wieder nicht duschen zu können, löst nicht gerade Begeisterung bei uns aus und die ständige Beobachtung der etwas abseits stehenden Samburus bestärkt uns in dem Entschluss erst noch mal zu einem Gamedrive rauszufahren. Unser Zelt können wir auch später aufbauen. Wir nehmen eh nur das kleine für eine Nacht, denn zum jetzigen Zeitpunkt ist es schon für uns beschlossene Sache: Samburu gefällt uns überhaupt nicht, diese vertrocknete, tierarme  und überaus staubige Gegend übt auf uns keinerlei Reiz aus und morgen hauen wir auch gleich wieder hier ab.

Zunächst begegnen uns auf unserem Gamedrive scharenweise Perlhühner, aber auch die kleinen scheuen Dikdiks sehen wir hier nach langer Zeit einmal wieder und sogar Springhasen. Wir fotografieren ein Dikdik, von dem wir zunächst annehmen, es sei an den Hinterläufen verletzt, doch dann springt es doch irgendwann munter auf alle Viere und verschwindet im Busch.

 

Die Dikdiks sind afrikanische Zwergantilopen und nur wenig größer als unsere Hasen. Manchmal wird man nur durch ein Rascheln im Gras oder durch das Knacken von Zweigen auf diese sehr scheuen Tiere aufmerksam, da sie durch ihre geringe Größe und die Färbung ihres Fells in ihrem Lebensraum kaum auffallen.

Mir haben es ja die anmutigen Gerenuks, wegen ihres langen Halses auch Giraffenantilopen genannt, angetan. Die Gerenuks ernähren sich ausschließlich von Laub und kommen fast ganz ohne Wasser aus. Daher ist diese trockene Dornbuschsavanne hier im Samburu-Gebiet der ideale Lebensraum für diese afrikanische Antilope aus der Gruppe der Gazellenartigen.

Verbreitungsgebiet: Äthiopien, Somalia, Kenia, Nordtansania
Gerenuk - Die Bezeichnung ist eine nicht genaue Übertragung aus dem Somali-Namen Garanug

Obwohl die Gerenuks ähnlich wie die Giraffe die Verlängerung von Hals und Beinen gebildet hat, um mit ihren verlängerten, unempfindlichen Lippen und der rauen Zunge an das Laub der Büsche oder gar an dornige Zweige zu kommen, ist sie nicht mit der Giraffe verwandt. Wenn sie an hohe Äste gelangen möchte, stellt sich die Giraffenantilope auf die Hinterbeine und stützt sich mit den Vorderbeinen am Baum ab.  Dies haben wir zwar mehrfach beobachtet, aber leider sind die Gerenuks so scheu, dass es für ein Foto nie reicht. Ganz schnell stehen sie wieder auf ihren vier Beinen und suchen das Weite.

Unser Weg führt uns zum Ewaso Ngiro River , der Lebensader des etwa 165 qkm großen Samburu National Reserves, hinunter. Er entspringt in den Aberdares,fließt durch Samburu, Shaba und weiter nordöstlich, wo er in der Wildnis in einem Sumpf endet und versickert.      


 

Das Flussbett des Ewaso Ngiro
Sonst fließt hier schokoladenbraunes Wasser

Wo sonst im breiten Flussbett der manchmal auch Schokoladenfluss genannte Strom tiefbraunes Wasser führt,  ist jetzt weit und breit nur heller Sand zu sehen.

Kein Rinnsal ist im Flussbett zu sehen und so kommen ...
... auch keine Tiere mehr zu dieser sonst natürlichen Tränke

Endlich begegnen uns auch die berühmten Netzgiraffen mit ihrer wunderschönen, klaren Zeichnung. Die dunklen Vielecke auf ihrem Fell, zwischen denen sehr schmale, helle Bänder verlaufen, erwecken den Eindruck eines Netzes.

Netzgiraffe mit wunderschöner Fellzeichnung

Vor uns hören wir in den Zweigen einen ungeheuren Lärm. Zwei Östliche Gelbschnabeltokos unterhalten sich lautstark. Diese Vögel gehören zur Familie der Nashornvögel und ernähren sich von Insekten, Skorpionen, Nagetieren, Reptilien, Heuschrecken, erbeuten im Flug schwärmende Termiten, verzehren aber auch - ganz vegetarisch - Früchte und Samen.

Verbreitungsgebiet: östliches Afrika, z.B. Kenia, Nordtansania, Eritrea, Somalia und Äthiopien
Der Östliche Gelbschnabeltoko lebt in Baum- und Dornbuschsavannen und in trockenen Akazien- und Mopanewäldern

Schließlich begegnen wir auf unserem späten Gamedrive noch einem Verband von Grevyzebras. Sie wirken um einiges größer und gestreckter als das gedrungene Steppenzebra. Besonders auffällig im Vergleich zu dem uns bisher bekannten Steppenzebra sind natürlich die schmalen, dicht aneinander angeordneten Streifen, der helle nicht gestreifte Bauch und die großen tütenförmigen braunen Ohren.

Lebensraum: halbtrockenes Busch- und Grasland in Ostafrika - Kenia, Somalia, Äthiopien
Das Grevy-Zebra...
Das Grevyzebra bildet nicht wie das Steppenzebra Herden, sondern lebt in losen Verbänden
...benannt nach dem ehemaligen französischen Präsidenten Jules Grevy, ...
Enge soziale Bindungen existieren nur zwischen Stuten und ihrem Nachwuchs
...der von der Regierung Abessiniens in den 1880er Jahren ein Zebra geschenkt bekam

Raubkatzen, wie Löwen, Geparde und Leoparden, die hier ja auch zahlreich ansässig sind, sehen wir allerdings wieder nicht. Dabei gelten letztere doch gerade hier im Samburu Reserve als weniger scheu, weil sie lange Zeit mit Ködern angelockt wurden.

Obwohl wir ja noch einige Tiere ausgiebig beobachtet und die Begegnung mit Greyzebras und Netzgiraffen unsere erste war, sind wir mit unserem Abstecher in die Samburu nicht wirklich zufrieden. Verwöhnt von dem Tierreichtum der Massai Mara und deren üppiger Landschaft finden wir es hier einfach nur öde und langweilig.

Verbreitungsgebiet: Südlich der Sahara nahezu in ganz Afrika
Warzenschweine können mitunter sogar Leoparden vertreiben. Hier kehren sie uns mal wieder nur den Rücken zu und trotten mit gesenkten Köpfen davon.

Wir fahren zurück zur Campingsite. Schließlich müssen wir ja noch unser Nachtlager aufschlagen, ein Lagerfeuer entzünden und eine warme Mahlzeit kochen.

Da es allmählich dämmert, haben wir von den zahlreich am Campingplatz herumstreunenden Pavianen wohl nichts mehr zu befürchten. Sie ziehen sich jetzt auf ihre Schlafbäume zurück und lassen uns bis morgen früh in Ruhe.

Unser kleines Zelt ist wieder schnell aufgebaut und eingerichtet. Für nur eine Übernachtung ist es eine wirklich gute Alternative zu dem großen Zelt, dessen Aufbau wesentlich mehr Zeit in Anspruch nehmen würde.

Am Campingplatz liegt genug Holz für ein Lagerfeuer herum. Doch wir sollen noch nicht zur Ruhe kommen. Samburu ist noch nicht fertig mit uns. Joachim entdeckt den platten Reifen zuerst. Wahrscheinlich haben wir uns einen langen Dorn eingefahren. Während ich das Abendessen zubereite, entschließt sich Joachim trotz der nun schnell hereinbrechenden Dunkelheit den Reifen noch zu wechseln. Damit will er partout nicht den morgigen Tag beginnen.

Völlig verdreckt, verschwitzt, entnervt und enttäuscht sitzen wir dann irgendwann endlich am Feuer und genießen wenigstens ein köstliches heißes Abendessen und ein kaltes!!! Alster! Für morgen haben wir kein Brot mehr. Daher habe ich kurzerhand eine Brotbackmischung angerührt und versuche mich nun im Bäckerhandwerk mitten in der Wildnis am Lagerfeuer. Nur für den Fall, dass unser Brot nicht gelingen sollte (was ja völlig ausgeschlossen ist, weil nicht sein kann, was nicht sein darf!), backe ich auch noch auf Vorrat einige Chapatis ab, die wir dann zum Frühstück mit Marmelade bestrichen verzehren könnten.

Nun, das Brot gelingt. Ein bisschen sehr dunkel ist es untenrum geraten. Ich habe wohl doch zu viel Holzkohle unter den Topf gepackt – aber es duftet verführerisch gut und wir freuen uns, endlich auch hier in Kenya kräftiges dunkles Körnerbrot essen zu können, das wir dem hier erhältlichen weißen Pappbrot unbedingt vorziehen.

Gegenüber der Dusche entdecken wir noch einen Wasserhahn, aus dem eine dunkelbraune Brühe fließt. Egal – zum Spülen muss sie reichen. Dafür unser  gutes Trinkwasser zu verwenden kommt gar nicht in Frage.

Es ist schon 23.30 Uhr als wir endlich die „Küche“ wieder klar haben, alles im Auto verstaut ist und wir  - behaftet mit noch mehr Dreck, Staub und Schweiß - in unseren Schlafsack krabbeln. Mal sehen, wie lange wir uns noch riechen können.

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