Und noch einmal Wasser marsch!

Donnerstag,den 4.3.2010

Es ist noch sehr früh am Morgen, etwa 4.50 Uhr. Der Ewaso Ngiro lärmt und braust in einer Lautstärke, die jeglichen Tiefschlaf unmöglich macht. Ich döse vor mich hin und nehme schlaftrunken wahr, dass Joachim einen Blick aus dem Zelt wirft. „Alles in Ordnung da draußen?“, murmel ich. „Ja, ja, das Flussbett ist zwar voll, aber das Wasser kommt nicht über die Ufer.“,  beruhigt Joachim mich.

Uns bleiben noch zwei maximal drei Stündchen Schlaf bis zum Aufstehen. Wenn wir es ohne Hektik angehen lassen und spätestens bis 17.00 Uhr in Nairobi sein wollen, müssen wir zum Abbauen und Packen früh raus. Also drehen wir uns noch einmal um und versuchen etwas Schlaf zu finden.

Doch irgendwie ist es uns nicht gegönnt. Der tosende Lärm des Wassers beunruhigt mich und so krabbele ich alle 10 Minuten unter meiner Decke hervor und schaue aus dem Moskitoschutz des Zeltes auf den River. Damit halte ich Joachim natürlich auch wach und irgendwann wirft er etwas genervt ein: „Das Wasser kommt nicht. Ich habe doch gerade selbst noch geguckt!“ „Stimmt wohl, aber mittlerweile ist es 5.20 Uhr und wir sollten machen, dass wir hier raus kommen. Das Wasser steht vor dem Zelt!“, presse ich hervor, während ich im Dunklen schon nach meinen Klamotten angel.

Joachim schnellt hoch, wirft nur einen kurzen Blick nach draußen und meint: „Vor 20 Minuten war doch noch nichts!“ Doch auch er schlüpft schnell in seine Kleidung und gemeinsam räumen wir in Windeseile das Zelt leer. Die „Übung“ vor zwei Tagen kommt uns nun vielleicht zu Gute, denn auch wenn wir nicht trockenen Fußes aus dieser Nummer herauskommen, schaffen wir es zumindest unsere gesamte Ausrüstung - mit Ausnahme des Zeltes – ohne Schaden im Auto zu verstauen. Das Zelt lassen wir stehen, haben wir doch die Erfahrung gemacht, dass sich der Fluss nach einiger Zeit wieder beruhigt. Allerdings wird uns schnell klar, dass unsere Behausung dieses Mal wohl ordentlich durchgespült wird und wir eine Menge Dreck zu entfernen haben.

6:19 Uhr – Unser Zelt lassen wir stehen. Das Wasser steht schon so hoch, dass wir unsere Behausung nicht mehr abbauen können.

Das Wasser steigt rasant schnell. In kurzer Zeit steht der gesamte Campingground unter Wasser. Joachim fährt das voll gepackte Auto hoch auf die Zufahrt zum Campingplatz und von dort oben beobachten wir, wie die schokoladenbraune Brühe steigt. Aus dem Nachbarcamp kommt Esmit mit seinen Freunden rüber und berichtet, dass bei ihm schon alles überschwemmt ist. Fast gleichzeitig trifft ein Trupp Ranger ein. Nur kurz beobachten sie gemeinsam mit uns die Lage, dann ertönen ein paar Kommandos. Ein Ranger drückt Joachim sein Gewehr in die Hand und meint, er solle es im Auto aufbewahren.

Dann krempeln alle mit schwarzer Hautfarbe am Platz die Hosenbeine hoch oder ziehen die Beinkleider gleich ganz aus, ebenso Schuhe, Jacken und Pullover und waten zu unserem Zelt ins Wasser. Wir schauen fassungslos zu, was die Jungs da veranstalten, bis wir kapieren, dass sie unser Zelt aus dem stetig anschwellenden Strom noch abbauen wollen. Wir sind immer noch überzeugt, dass der Fluss dem Zelt nichts anhaben kann und rufen den Helfern zu, sie sollen es stehenlassen. Doch entweder können sie uns nicht hören weil sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf ihre Aktion richten oder sie wollen es einfach nicht, und tun das, was sie für richtig halten. Eigentlich haben wir ja das Bedürfnis zu helfen, aber unsere Furcht vor möglichen Krokodilen in diesem reißenden Strom ist zu groß und so wagen wir uns nur wenige Meter ins Wasser als die Helfer mit dem wassergefüllten Zelt auf uns zukommen und packen beim Herausziehen mit an.  Das gelingt zunächst einmal nicht, denn der hintere Zelteingang ist verschlossen und mit einem Vorhängeschloss gesichert. So können wir den Reißverschluss nicht öffnen. Flüchtig drängt sich Joachim der Gedanke auf, dass wir ja immer den Schlüssel im Schloss stecken lassen. Hoffentlich ist der bei dieser Aktion nicht verloren gegangen. Wir müssen das Zelt also unter Wasser erst einmal drehen, so dass der offene Eingang nach unten zeigt und das Wasser beim Herausziehen ablaufen kann und dabei gleichzeitig die Stangen alle im Griff behalten. Mit acht erwachsenen Personen und einem enormen Kraftaufwand bewältigen wir das schließlich.

Während Joachim und ich das Zelt zur Road hochziehen, die Stangen und Seile einsammeln und kontrollieren, ob alles da ist, waten die Ranger und Esmit schon wieder ins Wasser und versuchen, noch ein paar Teile aus dem davon schwimmenden Nachbarcamp zu retten: Matratzen, Schüsseln, Stühle, Pfannen und Töpfe schwimmen mit hoher Geschwindigkeit an ihnen vorbei, sammeln sich kurz an einem Strauch und werden dann doch von der starken Strömung mitgerissen. Esmit leiht sich das Abspannseil unseres Vorzeltes aus. Damit gehen er und seine Freunde noch einmal ins Wasser und versuchen ihre Ausrüstung damit einzufangen – leider völlig vergeblich. Ein riesiger Baumstamm schnellt vorüber – schließlich wird allen klar, dass nichts mehr zu retten und jeglicher Versuch etwas aus dem reißenden Strom zu fischen auch lebensgefährlich ist. Als wir unser Bedauern darüber ausdrücken, meint Esmit lächelnd: That’s nature.“ und „I must buy a lot of things new, but I’ve some tents at home.“ Doch er wirkt dennoch ratlos und niedergeschlagen. Etwas hilflos reiche ich ihm seine Schuhe, die ich noch aus dem Wasser geangelt habe und Joachim fragt, ob er unseren charcoal –oven und die restliche Holzkohle gebrauchen kann. Esmit nimmt es gerne und stellt die Sachen erst mal zu seinen wenigen Habseligkeiten. Wir bedanken uns bei allen ganz herzlich,  verabschieden uns von unseren Helfern und packen unser nasses Zelt ins Auto. Früher als wir es ursprünglich geplant haben, nämlich schon um 7.20 Uhr, brechen wir auf nach Nairobi… meinen wir.

Nur wenige Minuten später dürfen wir schon einen Zwangsstopp am Gate vom Samburu zum Buffalo Springs Nationalreserve einlegen.

  • Eine Rangerin hält die Situation mit ihrem Fotohandy fest
  • Esmit und sein Freund, deren Permanet Camp an der Butterfly Campsite völlig den Fluten zum Opfer gefallen ist, betrachten hilflos die Lage an der Brücke.

Die Brücke, die dort über den Fluss führt, ist völlig überspült, hat durch die Kraft des Wassers wahrscheinlich einen Clutch und ist vorläufig unpassierbar. 

Das Wasser im Fluss steigt immer noch, denn während ich ein paar Fotos mache, bekomme ich schon wieder nasse Füsse. 

Wir beschließen umzukehren und den Umweg über Archers Post in Kauf zu nehmen. Doch auch dieser Weg ist erst einmal unpassierbar. Der Fluss hat mittlerweile die Mainroad erreicht und diese völlig überspült. Da wir nicht wissen, welche Wassermassen uns auf dem weiteren Weg noch erwarten und wir befürchten müssen, im Schlamm stecken zu bleiben oder durch eine zu starke Strömung mitsamt Auto mitgerissen zu werden,  fahren wir links vom Fluss in die höher gelegenen Regionen des Reserves. Oben in den Lolkoitoi Bergen halten wir uns erst einmal eine gute Stunde zu einem Gamedrive auf, immer noch in der Hoffnung an diesem letzten nicht geplanten Morgen im Samburu unseren Chui zu entdecken. Doch der Leopard zeigt sich uns nicht. So suchen wir uns einen schönen, gut überschaubaren Platz, packen unsere Tische, Stühle und den kleinen Lebensmittelkorb aus. Abseits der Katastrophe – die sich zu diesem Zeitpunkt für uns noch gar nicht als solche darstellt -  sitzen wir mitten in der Landschaft, genießen hier die Ruhe und den Frieden der Natur und ein ausgiebiges Frühstück. Keine Spur von Wasserrauschen, menschliche Aufregung oder Weltuntergangsstimmung – nur das Zwitschern, Rufen und Singen der vielen Vögel rings um uns.

Bevor wir ganz bequem werden oder uns möglicherweise nach dem anstrengenden und aufregenden Morgen noch die Augen zufallen, packen wir etwas träge gegen 9.00 Uhr unsere Sachen wieder zusammen. Joachim ist überzeugt, dass das Wasser nun schon ein gutes Stück zurück gewichen ist und wir einen halbwegs passierbaren Weg zum Archers Post Gate finden werden.

 Doch weit gefehlt! Als wir den Weg von Lolkoitoi Richtung Mainroad herunterkommen, sehen wir sowohl am Wegesrand als auch Off Road einige Safariauto parken.

Nun wird auch uns das Ausmaß der Katastrophe bewusst und wir realisieren, dass wir heute ganz sicher nicht mehr bis Nairobi, wahrscheinlich nicht mal hier aus dem Samburu Nationalreserve heraus kommen. „Ade Logbook! Kwaheri Tanzania!“,  verabschieden wir uns schon mal gedanklich von unserem  erhofften Fahrzeugpapier und der geplanten nächsten Reiseetappe. Für uns persönlich ist das aber auch schon das größte Übel. Um alles weitere, z.B. wo wir die Nacht verbringen, was wir essen und trinken, um unser Gepäck, Geld und Reisepapiere brauchen wir uns keine Gedanken machen. Wir haben alles dabei und können auch mit unserer Verpflegung und dem Wasser noch ein paar Tage hier ausharren.

Die meisten Touristen, die sich hier sammeln, sind allerdings sehr verzweifelt. Sie waren auf Frühpirsch, haben ihr gesamtes Gepäck im Camp oder in der Lodge, einige sogar ihr Geld und die Reisepapiere. Ein amerikanischer Forscher, der im Elephant Watch logiert, berichtet dass sie das Camp fluchtartig verlassen mussten. Er rechnet nicht damit, irgendetwas von seinen persönlichen Sachen, seinen wissenschaftlichen Aufzeichnungen, seinen Laptop wiederzusehen.

Auf den Felsen sammeln sich immer mehr einheimische Menschen – Angestellte aus den Lodges und Camps mit ihren Familienangehörigen. Die Kunde, dass sämtliche Camps und Lodges  entlang des Flusses , ebenso wie das Headquarter der Ranger unter Wasser stehen, die Zeltcamps sogar völlig zerstört und davon geschwemmt sind, breitet sich aus.

Hubschrauber kreisen über uns, landen nacheinander und bringen weitere Touristen aus den Lodges erst einmal in diese sichere Area. Entlang des Flusses haben sich weitere Menschen vor den reißenden Wasserfluten auf Bäume gerettet und harren dort nun aus, bis ein Hubschrauber nach Stunden endlich mit einer Seilwinde  ausgestattet ist und sie dann in halsbrecherischer Aktion herausziehen kann.

Ein Helikopter der British Airforce landet und wird von einigen Menschen gleich belagert, die nach Trinkwasser fragen. Pilot und Co-Pilot teilen beruhigend mit, dass ein weiterer Hubschrauber mit Wasser unterwegs ist. Da wir genügend Wasser im Auto haben, verteile ich unsere beiden Literflaschen, die zwei Frauen dankbar annehmen und nach einigen Schlucken erst mal kreisen lassen. Kurz darauf landet aber bereits der nächste Hubschrauber, der zwei Paletten Trinkwasser bringt.

In den nächsten Stunden starten und landen immer wieder die Helikopter von British Airforce, Kenya Police und Kenya Army. Sie bringen weitere Touristen, aber auch noch einmal Wasser für die Menschen, denn mittlerweile knallt eine glühende Sonne erbarmungslos vom Himmel und hier stehen nur vereinzelt  vertrocknete kleine Büsche, die kaum Schatten bieten.

Wir unterhalten uns intensiver mit einem älteren britischen und einem jungen deutschen Paar, die beide auf der Dik Dik Campsite untergebracht sind und ebenfalls von ihrer Frühpirsch nicht mehr ins Camp zurück kehren können. Sie machen sich große Sorgen um ihr Gepäck und die beiden Frauen auch um ihre Pässe und ihr Geld, die sie im Camp zurück gelassen haben. Für sie ist es unvorstellbar, die Nacht hier in der Wildnis zu verbringen. Wir versuchen sie zu beruhigen, haben wir doch noch ein zweites Zelt und reichlich Decken dabei. Selbst eine ordentliche warme Mahlzeit würden wir mit ihnen teilen. Doch sie lamentieren lieber darüber, wer für den Schaden aufkommt, wie teuer doch die Reise war und wie schrecklich alles ist. Wir können die vier nicht wirklich aufmuntern. Sie wollen einfach nur raus hier!  So haben sie sich Kenya nicht vorgestellt.

Nun ja, unser Angebot für den Notfall steht. Irgendwie können wir die Sorgen der kleinen Gruppe ja auch verstehen – zumal die Engländer übermorgen ab Nairobi nach Hause fliegen. Den Verlust des Gepäcks könnte man ja noch verschmerzen, aber ein pünktlicher Rückflug ohne Papiere und Geld ist eigentlich undenkbar.

Wir fahren erst mal unseren Landrover vom Weg auf die offene Grasfläche hinauf, breiten unser nasses, schmutzig-braunes Zelt aus und bauen es schließlich auf. So ist die Zeit, die wir hier verbringen müssen schon einmal sinnvoll genutzt. Falls wir die Nacht hier verbringen müssen, ist der Standort schon einmal geklärt und bis sich entscheidet, wie es weiter geht, trocknet die Sonne das Zelt und vielleicht können wir den gröbsten Dreck auch schon abbürsten- und klopfen.

Mittlerweile ist es Mittag und die Hubschrauber beginnen damit, einige Touristen auszufliegen – wohin können wir nicht genau in Erfahrung bringen. Es ist die Rede von Nairobi, dann aber auch vom viel näher gelegenen Nanyuki. Letzteres erscheint uns wahrscheinlicher, denn bis Nairobi und zurück wäre ein Helikopter, der maximal zwei Passagiere aufnehmen kann, mindestens zwei Stunden, wahrscheinlich länger, unterwegs.

Unsere vier Gesprächspartner aus dem Dik Dik Camp wollen nicht fliegen, solange sie nicht wissen, was mit ihren Sachen ist. Ihr Fahrer Linus erklärt sich bereit, mit einigen Helfern – unter anderem unser Freund Esmit – zu versuchen, zu Fuß bis zum Camp vorzudringen, in der Hoffnung, dass vielleicht das Gepäck der Touristen noch in Sicherheit gebracht werden konnte. Wo nehmen die Afrikaner nur immer ihren Optimismus her?

Auch wenn wir einen Freiflug über Samburu durchaus attraktiv finden, würden wir doch niemals unseren Landi hier zurücklassen, zumal wir ja nicht in Lebensgefahr schweben. So hängen Joachim und ich uns die Kameras und das Fernglas um den Hals und machen uns an den schweißtreibenden Aufstieg auf die Felsen Von dort haben wir einen Blick weit über das Land und können so vielleicht das Ausmaß der Katastrophe besser einschätzen. Die Idee hätte uns eigentlich schon ein paar Stunden früher kommen können, als es noch nicht so glühend heiß war.  Oben angekommen sind wir entsetzt von dem Bild, das sich uns bietet.

Es ist für uns unfassbar, wie weit der Ewaso Ngiro aus seinem Flussbett heraus gekommen ist, wie viel Land überschwemmt wurde. Überall breitet sich das Wasser auch jetzt noch aus, zwischen Büschen und an den Bäumen hängen Einrichtungsgegenstände. Bis jetzt verbreitet sich nicht die Kunde von Menschen, die verletzt oder getötet wurden. Wir hoffen, dass diese Nachricht nicht auch noch eintrifft. Der finanzielle Schaden dürfte in Millionenhöhe liegen, Lodges und Camps sind sicher für einige Monate bis zum Beginn der Hauptsaison geschlossen. Bleibt nur zu hoffen, dass sich der Imageschaden für Samburu in Grenzen hält.

Während wir den Abstieg antreten, starten, landen und kreisen die Hubschrauber immer noch. Einige überfliegen sicher das Samburu – Gebiet weitläufig, um einen Überblick über die Schäden zu erhalten. Andere fliegen den Flusslauf ab und halten scheinbar nach Menschen Ausschau, die irgendwo in den Bäumen oder auf Lodgedächern noch auf Rettung warten und unter uns werden weitere Touristen ausgeflogen. Als wir unten ankommen, sitzen das britische und das deutsche Paar immer noch im spärlichen Schatten und warten auf die Rückkehr von Linus. Die Hügelkette leert sich allmählich. Die meisten Einheimischen sind nicht mehr zu sehen. Wo auch immer sie hingegangen sind – wir wissen es nicht. Auch der Wagen vom Elephant Watch Camp entfernt sich. Mit dem zuletzt gestarteten Hubschrauber zieht  auch der britische Airforce-Angehörige ab, der wohl hier für Ruhe, Ordnung und Informationen sorgen sollte. Nur noch unser Landi und der Minibus von Linus und seinen vier Insassen stehen am Weg. Dafür ist jetzt ein Regierungsangestellter vor Ort, der uns mitteilt, dass er uns einen befahrbaren Weg zum Archers Point Gate weist, so dass wir Samburu heute noch verlassen können. Nun warten wir lediglich noch auf die Rückkehr von Linus. Seine kleine Reisgruppe hofft immer noch inständig auf ihr Gepäck.

Unser Zelt ist mittlerweile getrocknet und wir versuchen den gröbsten Dreck mit einem Besen abzufegen. Bis wir unsere Behausung wieder einigermaßen sauber haben, müssen wir wohl noch viel schrubben und klopfen. Aber immerhin können wir es jetzt erst einmal trocken abbauen.

Gerade legen wir das Zelt zusammen, als vier Einheimische, schwer bepackt mit Treckingrucksäcken den Weg aus Flussrichtung heraufkommen. Linus, Esmit und zwei andere Helfer haben tatsächlich das Gepäck gefunden und machen damit vier Menschen erst einmal überglücklich.

Linus berichtet, dass der Koch des Camps die Rucksäcke der Touristen und sich selbst in einen Baum gerettet hat. Wir bemerken erstaunt, wie unbeschadet und sauber die Rucksäcke doch aussehen, doch gleich klagen die Engländer, dass die Kleidung im Inneren doch nass und schmutzig geworden sei.

Oh, je, welch schlimmes Ereignis! Wir äußern uns lieber nicht mehr dazu, sondern packen mit Hilfe des Regierungsangestellten  unser Zelt ins Auto, reihen uns dann um 13.30 Uhr in den kleinen Convoi ein und verlassen über das Archers Point Gate eine gute halbe Stunde später das Samburu Nationareserve.

 

Unterwegs telefonieren wir schon mal mit Elvira und informieren sie, dass wir heute doch noch nach Nairobi fahren und sie zwischen 20.00 und 21.00 Uhr mit uns rechnen kann. Das bedeutet für uns zwar schon wieder eine 2-stündige Fahrt in der Dunkelheit, aber da wir ja nicht mitten in der Nacht unterwegs sind, stufen wir das Risiko kalkulierbar ein.

 

Als wir auf die Hauptstraße des Ortes Archers Post zufahren, sind wir angesichts des hohen Verkehrsaufkommens schon leicht irritiert. Die Auflösung folgt sogleich: der Ewaso Ngiro fließt auch durch diesen Ort und die Brücke, die über die Straße Richtung Isiolo führt, ist völlig überflutet und somit gesperrt.

Super! Wir legen also unseren nächsten Zwangsstopp ein, schauen uns das Desaster an der Brücke an und telefonieren dann noch einmal mit Elvira, um ihr mitzuteilen, dass es heute mit unserer Ankunft in Nairobi doch nichts mehr wird. Ein Ende der Sperrung ist auch noch nicht abzusehen, denn der Fluss fließt mit einer ungeheuren Geschwindigkeit und reißt weiterhin Baumstämme, Mobiliar, Küchenausrüstung usw. mit sich. Im Ort selbst sind keine Menschen oder deren Behausungen in Mitleidenschaft gezogen, denn direkt am Fluss gibt es keine Bebauung. So hat das Wasser eine weite Auslaufzone, ohne allzu große Zerstörung anzurichten.

Wir fahren zurück in die Ortsmitte und setzen uns zusammen mit Linus und seinen Fahrgästen in eine kleine Bar. Zur Zeit können wir nur abwarten und einen Plan B entwickeln. Die Engländer telefonieren mehrmals mit ihrer Botschaft,  und versuchen mit allen Mitteln zu erreichen, dass sie und die beiden jungen Deutschen zumindest in das etwa 160 km entfernte Nanyuki ausgeflogen werden.

Als sich irgendwann am Nachmittag das Wasser im Fluss endlich beruhigt und sogar langsam zurück geht, verbreitet sich schnell die Kunde: „The Bridge has gone!“ Die nächsten Meldungen lauten, dass die Brücke nicht völlig mitgerissen wurde, sondern nur so stark beschädigt ist, dass in den nächsten zwei bis drei Tagen niemand passieren kann. Der gesamte Ranger-Trupp von heute morgen kehrt ebenfalls in der Bar ein. Wir entscheiden, dass wir eine Nacht in Archers Point verbringen und mieten für 500 Kshs ein einfaches Doppelzimmer. Unser Auto können wir im Innenhof der Bar abstellen und saubere, heiße Duschen und Toiletten gibt es auch. Wenn die Brücke tatsächlich für mehrere Tage gesperrt ist, wollen wir nordwestlich über Wamba, Lodungokwe, Kisima, und dann weiter in südlicher Richtung über Sukuta Lol Marmar, Mukuta, Baringo nach Nairobi fahren. Diese Strecke kennen wir vom letzten Jahr. Wir müssen dann zwar auch in Baringo einen Zwischenstopp einlegen und kommen so erst am Samstag in Nairobi an – aber das ist immer noch besser als in Archers Post auszuharren. Der Ort ist überhaupt nicht reizvoll und auch nicht sehr Vertrauen erweckend. Wir fragen die Ranger, was sie von unserem Plan halten. Sie machen uns nicht viel Hoffnung – meinen aber, dass wir es versuchen könnten. Die Strecke ist wahrscheinlich sehr schlecht zu befahren, weil es auch dort seit Tagen immer wieder starke Regenfälle gibt, Straßen aufgeweicht und unterspült sind und wir so damit rechnen müssen, auch dort nicht weiter zu kommen.

In der Zwischenzeit haben die Engländer tatsächlich ihr Ziel erreicht. Sie und auch die beiden jungen Deutschen werden mit einem Hubschrauber ausgeflogen. Per Handy versuchen sie einigermaßen genau ihre Position durchzugeben und erhalten genaue Regieanweisungen.

Diese aufregenden Verhandlungen mit der britischen Botschaft, besonders die Beschreibung des Standortes, verfolgen wir ein wenig amüsiert. Man möge uns verzeihen, aber die beiden sind furchtbar aufgeregt und so sehr auf das Gespräch und die Instruktionen mit der Botschaft fixiert, dass wir uns ungerne einmischen wollen. Ansonsten hätten wir recht unkompliziert mit dem Navi die Koordinaten nehmen und weitergeben können. Nach Beendigung des Telefongesprächs wird das deutsche Pärchen noch genauestens unterwiesen, wie sie sich zu verhalten haben, wenn der Hubschrauber landet.

Die vier machen sich auf zu einer großen freien, als Helikopter-Landeplatz geeigneten Fläche. Dort sollen sie sich in einem großen Karree aufstellen und mit einem weißen Stoff winken, wenn die Hubschrauber nahen. Nach der Landung der Helikopter dürfen sie sich aber nicht von der Stelle bewegen, sondern müssen stehenbleiben und warten, bis sie geholt werden. In Nanyuki wollen sie dann mit einem Taxi bis zur Simba’s Lodge fahren, dort übernachten und sehen, wie sie morgen weiter kommen.

Mittlerweile kursiert auch das Gerücht, dass der Brückenanschluss zur Straße  auf der anderen Seite lediglich etwa 5m breit und knapp 3m tief weggespült ist. Ein chinesischer Bautrupp soll schon mit den Reparaturarbeiten begonnen haben. „Früher Vogel fängt den Wurm“, denken wir uns, und da wir nichts Besseres zu tun haben, fahren wir zur Hauptstraße und reihen uns einfach mal in die Autoschlange vor der Brücke ein. Zu Fuß machen wir uns von dort auf den Weg direkt zur Brücke, um das Gerücht zu überprüfen. Tatsächlich fahren ständig mit Füllmaterial beladene LKW’s  hin und her und bemühen sich, die defekte Anschlussstelle aufzufüllen. Jede Menge Militär ist in Archers Post zusammengezogen um die aufgeregte Menschenmenge von der Brücke fernzuhalten, die Sperrung abzusichern und gefährliche Sammelaktionen aus dem Fluss abzuwehren. Joachim findet heraus, dass die Brücke vielleicht zwischen 18.00 und 19.00 Uhr notdürftig wieder hergestellt ist und leichte PKW’s passieren können. Das lässt doch hoffen und die Arbeiten auf der anderen Seite nähren unseren Optimismus. Während ich am Auto warte und endlich um 17.15 Uhr den Abflug der Deutschen und Engländer von dort beobachte, , läuft Joachim zurück zur Bar, wo wir unser Zimmer für die Nacht gebucht haben und bringt den Schlüssel zurück. Die 500 Kshs können wir zwar abschreiben, aber das ist uns ziemlich egal. Wenn es irgendwie geht, wollen wir heute auf jeden Fall noch hier raus und bis Nanyuki fahren.  Mit Linus, der mit seinem Minibus noch in einem Workshop steht und irgendetwas fixieren lässt,  verabredet Joachim, dass wir möglichst zusammen bis zur Simba’s Lodge fahren. Jeder Kilometer, der uns heute näher an Nairobi heranbringt, erhöht unsere Chancen, bis morgen Mittag noch rechtzeitig im Times Tower zu sein und unser Logbook zu bekommen.

Während ich am Auto warte, beobachte ich den Menschenstrom, der zur Brücke hin oder zurück pilgert, um die aktuellsten Neuigkeiten auszutauschen, die Reparaturarbeiten zu beobachten, um einfach nur dabei zu sein oder etwas Treibgut aus dem Fluss zu ergattern und stolz für den Hausstand beizusteuern. Die meisten grüßen oder winken, die Kinder schauen mich mit ihren großen Augen an. Manche  - besonders die Kleinkinder - senken ihren Blick oder verstecken sich hinter einem Erwachsenen, wenn ich ihnen „Jambo“ zurufe, andere wiederum lachen zurück. Ältere Kinder kommen ganz offen auf mich zu, viele tragen noch ihre Schuluniform und so komme ich mit einigen über ihre Schule ins Gespräch. Sie wollen im Display unserer Kamera die Fotos sehen, die ich gemacht habe. Mir fällt angenehm auf, dass keines von den Kindern anfängt zu betteln. Eine Kindergruppe kommt vom Fluss herauf. Unter ihnen ist ein kleiner Junge, der eine rosafarbene Toilettenbürste aus dem Fluss gefischt hat und diese jetzt liebevoll an sich drückt und küsst. Ich habe den Eindruck, dass er ein solches Teil noch nie gesehen hat und auch seinen Zweck nicht weiß. Für ihn scheint es ein tolles buntes Spielzeug zu sein und ich hoffe sehr, dass seine Immunkräfte ausreichen, den Kampfangriff von Kolibakterien und sonstigen Krankheitserregern abzuwehren.

Eine junge Mutter mit ihrem Baby im Tragetuch auf dem Rücken stoppt mit ihrer Freundin bei mir.  Sie riechen beide stark nach Alkohol, kichern unkontrolliert und lallen mir etwas entgegen. Ich verstehe sie zunächst nicht und glaube dann, dass sie mich auffordern ein Foto von dem Baby zu machen. Als ich das ablehne, sichern sie mir beide gleich eifrig zu: „It’s for free!“  Na, da verbrenne ich mir ganz sicher nicht die Finger dran. Konsequent lehne ich das Angebot eines kostenfreien Babyfotos ab. Da sie sich nicht abwimmeln lassen, versuche ich, sie in ein belangloses Gespräch über das Baby zu verwickeln und erfahre so, dass es sich um ein 8 Monate altes Mädchen handelt. Die Mutter will mir nun ihr Baby schenken: „You can take it! You don’t must pay! It’s free!”, betont sie noch einmal. “Oh no, I’m too old and your nice girl needs her mother”, schlage ich ihre verzweifelt vorgetragene Bitte ab.  „But she is hungry and I’m too. Her Father has died. I have no money and I don’t can give her milk!”, jammert mir die junge Frau vor und drückt zum Beweis ihre Brust zusammen. Auch wenn mich diese Situation sehr berührt und ich echtes Mitleid mit dem kleinen Mädchen – weniger mit der Mutter – habe, bleibe ich freundlich-konsequent bei meinem „No“ und gebe auch nicht meinem inneren Drang nach, der Mutter etwas zu essen, geschweige denn Geld, in die Hand zu drücken. Es würde ihr nicht nachhaltig helfen, sondern sie nur darin bestätigen ihr eigenes Leben und das ihres Kindes mit dieser Strategie fortzusetzen. Als die beiden Frauen merken, dass bei mir nichts zu holen ist, verabschieden sie sich und setzen ihre „Tour“ kichernd und ein wenig schwankend fort.

Ich bin froh, als endlich Joachim wieder da ist. Niemand hat mich angefeindet, bedroht oder schlimm bedrängt und doch beschleicht mich – je länger ich alleine unser Auto „bewache“  und mit einer gewissen „Fremdheit“ konfrontiert werde – ein Gefühl der Unsicherheit.

Kurz nach 18.00 Uhr wird die Brücke tatsächlich frei gegeben. Linus, auf den wir eigentlich hier warten wollen, ist weit und breit nirgends zu sehen. Wir stehen relativ weit vorne in der mittlerweile langen Fahrzeugschlange und beschließen, schon mal zu fahren. Mit seinem Minibus ist Linus eh schneller unterwegs als wir mit unserem Landi, so dass er uns sicher bald einholen wird.

In Isiolo legen wir einen Tankstopp ein. Es wird schon dunkel, als wir nach Nanyuki weiterfahren – und immer noch keine Spur von Linus. Die Fahrt in der Dunkelheit ist wirklich kein Vergnügen auf dieser schlaglochreichen Piste. So schlecht haben wir die Straße von der Herfahrt gar nicht in Erinnerung. Wir treffen einige Schlaglöcher mit voller Geschwindigkeit (max. 60 km/h), andere sieht Joachim im allerletzten Moment und muss erst mal eine Vollbremsung hinlegen, bevor er sie umfahren kann. Es ist – was uns ja durchaus bekannt ist – stockdunkel in Kenya, keine Straßenbeleuchtung, kein Streulicht von irgendwelchen Ortschaften- einfach nur tiefschwarze Nacht um kurz nach 19.00 Uhr. Wir haben noch mindestens 1,5 Stunden Fahrzeit vor uns und mehr als einmal zweifle ich unsere Entscheidung, heute noch bis Nanyuki zu fahren, an. Das schlimmste an dieser Fahrt aber sind die uns noch zahlreich entgegenkommenden Autos, die mit aufgeblendetem Licht auf sich aufmerksam machen, bis sie an uns vorbei sind. Damit haben wir eine Sicht nach vorne, die gegen Null tendiert. Und so muss Joachim nicht nur ständig vor den Schlaglöchern heftig abbremsen, sondern auch bei jedem entgegenkommenden Auto - und das auf einer Straße, die über weite Strecken bergauf führt. Ich entspanne mich erst wieder, als wir endlich kurz nach 21.00 Uhr in Nanyuki eintreffen. Obwohl wir jedes Auto, das uns überholt hat, genau studiert haben, konnten wir keines als Linus‘ Minubus ausmachen. So müssen wir jetzt auch noch selbst herausfinden, wo die Simba’s Lodge ist. An einer Tankstelle mitten im Ort fragen wir zwei Einheimische nach dem Weg. Sie erklären ihn uns und einer von ihnen bietet dann auch an, uns für 450 Kshs zu begleiten. „400 is too much,“ sagt Joachim. Doch der junge Mann erwidert, er müsse ja den ganzen Weg auch wieder zu Fuß zurück laufen. „Na, für 400 Kshs kann der Weg dann ja nicht wirklich weit sein,“ murmelt Joachim mir zu. Er sagt, dass eine Begleitung nicht nötig ist und bedankt sich freundlich für die Auskunft. Wir müssen die Mainroad einen knappen Kilometer zurückfahren und gegenüber der Policestation links abbiegen. Bei Tageslicht kann man die Hinweisschilder zur Lodge eigentlich gar nicht verfehlen, aber im Dunkeln gibt es nur die Chance daran vorbeizufahren. Wir müssen sogar noch einmal einen Fahrradfahrer fragen, obwohl wir nur noch 100 m von dem Abzweig entfernt sind. Schließlich finden wir den Weg, auch dank des Radfahrers, der noch einmal absteigt und an der Biegung stehenbleibt, um uns den Weg zu weisen.

Die Zufahrt zur Lodge ist noch einmal eine echte Herausforderung! Dicker schwarzer Modder, in dem schon ein PKW feststeckt und gerade ausgegraben wird, macht die letzen 500 m noch einmal zu einer Zitterpartie. Doch mein „weltbester“ Safaridriver Joachim bringt uns souverän zum Ziel. Und so können wir uns um 21.30 Uhr für eine Nacht in dieser einfachen, aber preiswerten und ordentlichen Lodge einmieten. Das Restaurant ist auch noch geöffnet. Dort sitzen frisch geduscht, satt und fröhlich lachend unsere deutschen und britischen Bekannten vom heutigen Tag. Nur Linus ist noch nicht eingetroffen. Als wir eine gute Stunde später auch unser warmes Hühnchen mit Chips verspeist haben, erreicht die junge Frau aus Deutschland Linus per Handy. Mit seinem Mobile am Ohr betritt er das Restaurant und meint breit grinsend: „Hakuna matata! No problem. I’m here!“ Er ist gerade frisch eingetroffen. Er ist wohl nur kurze Zeit nach uns über die Brücke gefahren, hatte aber leider das Pech, dass vor ihm ein LKW im Modder auf der Straße steckengeblieben ist und sich quer gestellt hat. So war zwar die Brücke frei, aber die Straße erst einmal für längere Zeit blockiert. Trotz der späten Stunde bekommt auch Linus noch etwas Warmes zu essen. Im Fernsehen wird in den Nachrichten über die Überschwemmung in Samburu berichtet und wir erfahren, dass bei dieser Katastrophe doch  einige einheimische Menschen zu Tode gekommen sind. 

Eine Weile unterhalten wir uns noch über die weiteren Pläne eines jeden. Doch kurz nach Mitternacht sind wir zum Umfallen müde. Jeder zieht sich in sein Zimmer zurück. Wir gönnen uns noch eine heiße Dusche und schicken den Dreck des Tages durch den Abfluss, bevor wir fix und fertig ins Bett sinken und auf der Stelle einschlafen.

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