Kein perfekter Reisetag

Sonntag, den 22. August 2010

Heute fahren wir um 8.00 raus. Das Zelt sichert Joachim besonders gut, da er, auf der Toilette sitzend, schon Besuch von einem großen Baboon hatte. Unser Weg führt uns direkt zu einem Crossingpoint am Mara River, gegenüber der Mara Serena Lodge. Nach dem gestrigen „Big-Cats-Day“ hoffen wir heute auf ein spannendes Crossing.

500m vor unserem Ziel posieren zwei Geparde. Natürlich nehmen wir uns die Zeit, diese eleganten, schnellen Raubkatzen eine Weile anzuschauen und zu fotografieren. Außerdem haben wir die große Gnuherde, die noch zum Mara River zieht, ganz gut im Blick.

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Irgendwann gegen 9.15 Uhr haben wir uns satt gesehen. Wir suchen uns einen guten, übersichtlichen Stellplatz oberhalb des Flusses und warten. Die meisten Touris in den Fahrzeugen um uns herum packen ihre Picknickboxen aus und nutzen die Wartezeit im Auto zum Frühstücken. Gute Idee! Ich angel also auch nach unserem Frühstückskorb und die Gnus lassen uns reichlich Zeit, ein ausgiebiges Breakfast einzunehmen.

Eine junge Gazelle irrt in der Gegend umher. Sie ist ganz alleine, sucht wahrscheinlich nach ihrer Mutter. Wenn Mutter und Jungtier sich nicht wiederfinden, bedeutet das den sicheren Tod des Kleinen.

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Eine Stunde vergeht, und eine weitere Stunde… nichts passiert. Die Herde von zahlreichen Gnus und Zebras macht keine Anstalten über den Fluss zu gehen. Leise Zweifel kommen langsam auf. Lohnt es sich hier stehen zu bleiben? Einige Fahrer geben die Hoffnung auf ihren Gästen an dieser Stelle ein Crossing zeigen zu können und fahren weiter. Wir bleiben, denn eigentlich sind wir sicher, dass wir genau richtig stehen.

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Plötzlich kommt Bewegung in die Herde. Sie zieht links weg in ein kleines Wäldchen. Es ist wie immer. Ein Tier wandert los und alle hinterher. Eine halbe Stunde beobachten wir den Umzug der Tiere, bevor wir unseren Standort verändern. Gerade schaffen wir es, uns gut hinter einem Busch zu positionieren, als zwei Gnus  vorsichtig zum Wasser hinunter laufen.

Eines kehrt schnell zur Herde zurück.  Das zweite steht unentschlossen da, inspiziert nervös das Ufer. Dann beginnt es ausgiebig zu saufen. All die anderen Gnus und Zebras bleiben aber oben stehen, keines folgt nach unten in die Uferzone. Schließlich müht sich auch das einzelne Gnu wieder die Böschung hinauf und kurz darauf wandert die ganze Herde 200m flussaufwärts zum Ausgangspunkt zurück. Ein Weilchen warten wir noch, doch dann nehmen wir wieder unseren ursprünglichen Beobachtungsposten ein und warten weiter.

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Der Gaukler, eine zu den Schlangenadlern zählende...
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afrikanische Greifvogelart...
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der in der Mara recht häufig anzutreffen ist

Um 12.45 Uhr kommt dann auf einmal Bewegung in die wartenden Autos. Einer nach dem anderen fährt in Eile flussabwärts. Dort soll ein Crossing sein, „Near by“ heißt es. Nur 2 oder 3 Fahrzeuge bleiben stehen. Joachim rechnet an dieser Stelle auch nicht mehr damit, dass die Wildebeest den Fluss überqueren. Daher entschließt er sich, auch den Weg zum nächsten verheißungsvollen Crossingpoint einzuschlagen. Ich halte das für eine schlechte Idee und würde lieber hier stehen bleiben. Der Weg zum nächsten Crossingpoint zieht sich endlos über steinige, von Schlag- und Matschlöchern durchzogene Pisten. Wir fahren bestimmt 20 Minuten bis wir den Punkt erreichen. Dort herrscht Volksfeststimmung. Ein Safariauto reiht sich an das nächste, hunderte von Touristenköpfen diesseits und jenseits des Rivers ragen aus den Dachluken der Fahrzeuge. Viele sitzen oder stehen gar auf den Autodächern. Ein lautes Geschnatter von Auto zu Auto tötet hier jedes Safarifeeling.  Auf der anderen Flussseite geht es etwas gesitteter zu, denn dort kontrollieren die Ranger der Mara Conservancy das Geschehen sehr streng. Sitzen und Stehen auf den Autodächern wird sofort unterbunden, teilweise sogar streng mit Bußgeldern geahndet. Aber das Treiben hier an diesem Crossingpoint ist genau das, was wir gar nicht mögen. Das Crossing ist sowieso vorüber. Trotzdem stellt Joachim das Auto am Fluss in einer freien Nische ab. Ich packe die Kamera erst mal weg und hocke mich entnervt auf meinen Sitz. Hier ist für mich jeder Handgriff sinnlose Energieverschwendung. Da stehe ich lieber stundenlang irgendwo rum, wo nichts zu sehen ist.

„Sollen wir wieder fahren?“, fragt Joachim. Eigentlich ist es mir zu diesem Zeitpunkt völlig schnuppe, was wir machen.  Hierher zu fahren war schon eine Schnapsidee und zurückzukehren wird genau so überflüssig sein, denn ich bin sicher, dass die Wildebeests mit ihrem Crossing nicht auf uns gewartet haben.

Joachim startet trotzdem den Motor und fährt zurück zu unserer ursprünglichen Ausgangsposition – wieder über dicke Steine und durch tiefe Gräben. Als wir dort ankommen, sehen wir schon Weitem, dass die Herde während unserer kleinen „Spritztour“ tatsächlich den Fluss überquert hat. Das Crossing ist gerade beendet. Die letzten Gnus laufen noch mit dunkel-nass glänzendem Fell an uns vorbei. Na ja, wir haben ja schon so viele Crossings erlebt. Eines mehr oder weniger hebt unseren Erfahrungshorizont nicht wesentlich.

Allerdings sehen wir den verpassten Höhepunkt erst wenige Minuten später, als wir näher an den Fluss kommen und unser Auto dort noch einmal abstellen. Eine Löwin sitzt nämlich unter einem Busch und verspeist gerade ein junges frisch gerissenes Gnu.

Sprach- und Fassungslosigkeit breitet sich bei uns aus, gepaart mit einer riesigen Portion Enttäuschung. Es ist mittlerweile 13.30 Uhr. Vier Stunden Warten auf ein Crossing an einem perfekten Beobachtungsplatz und wir vergeigen es. „Willst du denn noch ein paar Fotos machen?“, fragt Joachim. Aber genau dieses Foto von der fressenden Löwin will ich nicht machen, obwohl wir doch eine hervorragende Position hätten.

Wir werden noch den ganzen Tag brauchen, um diese Schlappe – verpasstes Crossing und Löwenriss gleichzeitig – zu verdauen.  Joachim ist besonders geknickt. Aber was hilft’s… Vorbei! Wie heißt es so schön: „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel!“ und so beschließen wir noch einmal zum Talek zu fahren, wo wir gestern den Leoparden unter dem Felsvorsprung gesichtet haben. Vielleicht ist er ja heute auch in dieser Gegend.

Aber natürlich sehen wir den Leoparden nicht. Dafür hören wir an unserem Auto ein Geräusch, das besser nicht vorhanden sein sollte. Schlagartig steigt der Temperaturanzeiger in den roten Bereich. Na, das kennen wir ja schon. Wir sind auch nicht mehr weit vom Mara Intrepids entfernt und fahren gleich die Werkstatt dort an. Das passt auch irgendwie zu dem heutigen Tag. Wenn man schon kein Glück hat, kommt auch noch das Pech hinzu. Auf jeden Fall kann ich dort gepflegt zur Toilette gehen und mich ein wenig frisch machen.

Nach 1,5 Stunden und um 2000Kshs leichter können wir erst mal weiterfahren. Aber wir brauchen mittelfristig eine neue Wasserpumpe… meint der Fundi dort. „Ist auch nicht schlimm“,  stöhne ich auf, „kostet ja nur 400€“.

Es wird Zeit für unseren Cappucchino.  Wir brauchen dringend eine Zeit der Entspannung, eine Zeit in der nichts, rein gar nichts mehr passieren kann. Ein übersichtliches Fleckchen Erde am Fluss oder unter einem Baum – gerne auch beides – wäre jetzt sehr fein.

Auf der Suche nach diesem perfekten Platz legen wir aber doch noch einmal einen Fotostopp ein. Wir sichten nämlich einen wunderschönen Greifvogel mit deutlicher Zeichnung um die Augen und den Schnabel. Diesen Vogel haben wir noch nie gesehen, aber ich bin sicher, dass ich ihn zu Hause mit Hilfe meines Vogelbestimmungsbuches identifizieren kann.  Doch so lange brauche ich gar nicht warten, denn Elvira verrät mir einige Tage später bei unserem Zwischenstopp in Nairobi, dass es sich um einen Gaukler handelt, eine afrikanische Greifvogelart, die zu den Schlangenadlern gehört. Er ist nach seinem akrobatischen und kunstvollen Flug benannt und lebt vor allem in Savannen.

Als wir nun endlich in einem kleinen versteckten Busch unmittelbar am Fluss beim Cappucchino sitzen, können wir schon wieder zaghaft über den Verlauf des heutigen Tages lachen. Die Zutraulichkeit eines schwarzen Vogels, wahrscheinlich ein Schieferwürger,  nutze ich für ein paar „Übungsfotos“.

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Schieferwürger
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engl.: Slate-coloured Boubou
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lat.: Laniarius funebris
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ein in Kenya und Tanzania...
weit verbreiteter Vogel

Mit der Kamera versuche ich einige bunte Vögel einzufangen, die immer wieder kreuz und quer über den Fluss fliegen. Doch sie sind zu quirlig, so dass mir keine Aufnahme gelingt. Joachim entdeckt einen Lagerfeuerplatz und meint, hier könnte eine private Campsite sein. Doch als er auch einen Pfeil findet, ist ziemlich sicher, dass es sich hier um einen Lagerplatz oder gar um ein Versteck von Wilderern handelt. Ganz schnell verliert die Idylle für uns ihren Zauber. Wir packen unsere Sachen schnell ein und verschwinden.

Wieder sehen wir hoch im Baum einen Gaukler und nehmen uns reichlich Zeit ihn zu beobachten und zu fotografieren. Die Position ist nicht ganz so günstig, aber wir kommen viel näher heran und können die Schönheit dieses Greifvogels noch besser bewundern.

Unsere weitere Suche nach einem Leopard ist nicht mit Glück gepaart. Für den Rest des heutigen Tages bleibt uns nur die Vogelbeobachtung, die ich mittlerweile ganz spannend finde. Joachim dagegen braucht für einen perfekten Safaritag eher seine großen Raubkatzen. Aber gnädig hält er für mich an, als wir zwei Vögel mit grau-weißem Gefieder und gelben Beinen im trockenen Gras auf Futtersuche entdecken. Es handelt sich um den Senegalkiebitz.

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Senegalkiebitz, engl.: African Wattled Lapwing
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lat.: Vanellus senegallus lateralis

Heute beenden wir unseren Gamedrive früh, da wir außer Gnus, verschiedenen Antilopenarten und Warzenschweinen keine weiteren für uns interessanten Tiersichtungen  mehr machen. So sind wir schon kurz nach 16.00 Uhr in Talek  und fahren einen Tankshop an, der günstigen Diesel anbietet. Eine Zapfsäule ist nicht vorhanden und wir sind gespannt, wie die 20 Liter, die wir ordern in unseren Tank kommen. Aber wir sind ja in einem abgelegenen Dorf in Afrika, wo man sich noch erfindungsreich zu helfen weiß…

Da unsere Temperaturanzeige immer noch „spinnt“, fahren wir in Talek auch noch eine Werkstatt an. Gleich sind wir von mehreren Fundis umringt, die sich unseren Lüfter interessiert angucken und auf Swahili lautstark diskutieren. Schließlich wendet sich ein Mechaniker an uns und erklärt uns das Problem in Englisch. Das Lüfterrad muss geschweißt werden, denn sonst löst es sich ständig auf den holperigen Pisten und lediglich der Fahrtwind übernimmt die Kühlung des Kühlwassers. Je nach Außentemperatur funktioniert das mehr oder weniger gut. Also lassen wir diese Kleinigkeit doch noch erledigen, in der Hoffnung unsere weiteren Pirschfahrten ohne Werkstattaufenthalte machen zu können.

Ein Massai spricht uns an und meint, wir hätten aber heute Morgen das Beste am Mara River verpasst. Wir erkennen ihn. Er stand mit seinem Fahrzeug lange Zeit direkt neben uns und hat eindeutig die bessere Entscheidung getroffen. Oh, je, das tut ja doch noch mal weh!

Unser Auto ist relativ schnell fertig, Kühlflüssigkeit wird aufgefüllt, die Batterie wieder angeklemmt und wir bezahlen noch einmal 2000Kshs. Die Arbeit sieht ziemlich stabil aus und wir sind gespannt, ob es tatsächlich hält.

Im Camp kochen wir etwas Leckeres, öffnen eine Flasche Rotwein und machen uns einen gemütlichen Abend am Lagerfeuer.

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